Die Kraft autonomer Grenzgebiete in Europa: Gipfelreffen in Trient
Autonomie als Motor grenzüberwindender Zusammenarbeit: Tagung der Euregio vom 27. bis 28. Oktober mit Institutionen aus ganz Europa anlässlich des Jahrestags "80 Jahre Gruber-De Gasperi-Abkommen"
TRIENT (LPA). Erstmals in der EU-Geschichte haben sich Grenzgebiete aus ganz Europa getroffen, in denen die Autonomie eine herausragende, treibende Kraft darstellt. Zur Tagung im Castello del Buonconsiglio in Trient hatte die Euregio Tirol-Südtirol-Trentino vom 27. bis 28. Oktober verschiedene Europäische Verbünde Territorialer Zusammenarbeit (EVTZ) aus Italien, Österreich, Slowenien, Frankreich, Spanien und Portugal zum Kennenlernen, Austauschen und zur Netzwerkbildung eingeladen.
Die Tagung ist Teil einer Veranstaltungsreihe des Trentiner Landesrats zur Förderung der Kenntnis der Autonomie, Simone Marchiori, der betonte: "Dank des vor 80 Jahren unterzeichnete Gruber-De Gasperi-Abkommens konnten wir ein Grenzgebiet in eine Brücke des Dialogs und Zusammenlebens verwandeln. Unsere Autonomie hatte nie das Ziel der Isolation. Sie ermöglichte uns eine Selbstverwaltung, die uns auch in der europäischen grenzübergreifenden Zusammenarbeit glaubwürdig macht."
Dauerhafte Zusammenarbeit für konkrete Lösungen
Bei der Veranstaltung, an der auch Landtagspräsident Claudio Soini und mehrere Abgeordnete des Trentiner Landtags teilnahmen, verwies die Trentiner Vertreterin im Euregio-Generalsekretariat, Elisa Bertò auf die Bedeutung der europäischen EVTZ-Vernetzung. Als deren Bezugspunkt hat der EU-Ausschuss der Regionen 2024 die Europäische Plattform für grenzüberschreitende Zusammenarbeit (European Cross-Border Platform – ECBP) ins Leben gerufen. "Das jährliche ECBP-Treffen stärkt die horizontale Zusammenarbeit und das grenzübergreifende europäische Netzwerk", sagte Bertò: "Die heutige Tagung dagegen bringt gezielt Grenzgebiete mit speziellen Autonomiebefugnissen zusammen. Wir wollen uns nicht nur einmal im Jahr austauschen, sondern eine dauerhafte Zusammenarbeit aufbauen, um bei grenzüberschreitenden Herausforderungen unsere spezifischen Kompetenzen auszubauen und konkrete Lösungen für die Bevölkerung unserer Gebiete und der gesamten EU zu erarbeiten."
Mit Exponentinnen und Exponenten aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft – darunter Francesco Palermo (Universität Verona und Eurac Research), Esther Happacher (Universität Innsbruck), Gabrielle Halpern (Philosophin und assoziierte Expertin der Stiftung Jean Jaurès) und Martín Guillermo Ramírez (Generalsekretär der Arbeitsgemeinschaft Europäischer Grenzregionen AEBR, online) haben die EVTZ-Spitzenkräfte ihre Erfahrungen und Vorzeigeprojekte vorgestellt und überlegen, wie man davon lernen und sie weiterentwickeln kann.
Zusatzinformationen
Teilnehmende EVTZ’s und ihre Aufgaben
Sieben Europäische Verbünde Territorialer Zusammenarbeit nahmen an der Tagung teil. Sie alle haben zwei Gemeinsamkeiten:
- Als Europäischer Verbund Territorialer Zusammenarbeit nutzen sie eine EU-Verordnung aus dem Jahr 2006. Sie gesteht interregionalen Kooperationen eine eigene Rechtspersönlichkeit zu. Diese rechtliche Grundlage bedeutet eine wesentliche Aufwertung und Ausweitung an Möglichkeiten grenzübergreifender Zusammenarbeit. Sie wollen das Zusammengehörigkeitsgefühl in ihrem gemeinsamen Grenzgebiet stärken, das Wohlergehen der Bevölkerung verbessern, ihren Alltag erleichtern, grenzbedingte Hindernisse und somit Grenzen selbst abbauen. Dies ist auch ein wesentlicher Beitrag zur europäischen Integration.
- In jedem der EVTZ genießt mindestens ein Landesteil autonome Befugnisse: Diese Autonomie bietet weiteren Spielraum, den EVTZ mit Leben zu füllen.
Teilnehmende EVTZ’s in der Übersicht
Euregio Tirol-Südtirol-Trentino (Italien-Österreich)
Die Länder Tirol, Südtirol und Trentino sind verbunden durch gemeinsame Geschichte sowie geografische, wirtschaftliche und kulturelle Gegebenheiten. Mit sprach- und länderübergreifenden Projekten und Initiativen wollen sie die Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger kontinuierlich verbessern.
Euregio Ohne Grenzen (Italien-Österreich)
Mit gemeinsamen Projekten wollen die Regionen Friaul-Julisch Venetien und Venetien sowie das Land Kärnten das Wohlergehen im gemeinsamen grenzüberschreitenden Gebiet gewährleisten und dessen Entwicklung sowie einen größeren wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Zusammenhalt fördern.
GO (Italien-Slowenien)
Einst war Görz ein Schmelztiegel der Sprachen und Kulturen. Dann wurde mitten durch die frühere K.u.k.-Stadt eine Grenze gezogen. Inzwischen haben sich die Städte Gorizia im äußersten Osten Italiens sowie Nova Gorica und Šempeter-Vrtojba im äußersten Westen Sloweniens zu einem EVTZ zusammengeschlossen. Sie wollen die Logik dreier getrennter Gemeinden überwinden und im Sinne einer einzigen grenzübergreifenden Stadt planen und Projekte umsetzen. Ein Höhepunkt war die gemeinsame Ernennung zur europäischen Kulturhauptstadt 2025.
Hospital of Cerdanya (Frankreich-Spanien)
In Puigcerdà steht das einzige grenzübergreifende Gesundheitszentrum Europas. Gemeinsam betreiben die Verwaltungen Kataloniens (Spanien) und Frankreichs ein Krankenhaus, das die Bevölkerung und Besuchenden von La Cerdanya und Capcir – also der Gebiete auf beiden Seiten der Grenze versorgt. Gleichzeitig verfolgt es das Ziel, die besten Aspekte beider Gesundheitssysteme zu vereinen.
Nouvelle-Aquitaine Euskadi Navarre (Frankreich-Spanien)
Dieser EVTZ verbindet Nouvelle-Aquitaine im Südwesten Frankreichs mit dem Baskenland und Navarra im Norden Spaniens sowie die drei Arbeitssprachen Französisch, Baskisch und Spanisch. Er will die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung fördern und eine Mehrsprachigkeit leben, in der alle kommunizieren, teilen, lernen und sich vernetzen. In unterschiedlichsten Bereichen wie Wirtschaft, Beschäftigung, Bildung, Mobilität, Umwelt usw. will der Verbund den Alltag der Bewohner erleichtern und ihre Lebensbedingungen verbessern.
Pyrenees-Mediterranean (Frankreich-Spanien)
An der Euroregio Pyrenees-Mediterranean sind die Regierungen Kataloniens im Nordosten Spaniens und der spanischen Inselgruppe Balearen im Mittelmeer sowie die Region Okzitanien im Südosten Frankreichs beteiligt. Der Verbund möchte sich zu einem europäischen Pol und einem Mittelmeerbecken des grünen und blauen Wachstums zu entwickeln, also ein Zentrum für nachhaltige Entwicklung im Nordwesten des Mittelmeerraums, basierend auf der sozialen, ökologischen, kulturellen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Integration des Gebiets. Er will einen Beitrag zum Aufbau eines Europas der Regionen leisten, das vereint, unterstützend und bürgernah ist.
Galicia-Norte Portugal (Spanien-Portugal)
Der Verbund zwischen Galizien und Nordportugal will eine Grenze in einen Raum der Möglichkeiten verwandeln: Er baut Brücken zwischen Institutionen, Wirtschaftsunternehmen, Universitäten, Forschungszentren, Organisationen sowie Bürgerinnen und Bürger. Ziel ist es, die Lebensqualität jener zu steigern, die in dieser Euroregio leben, arbeiten und investieren.
Gesamtstaatlichen Forschungsrat CNR (Consiglio Nazionale Ricerche)
Von den zur Zeit der Studie insgesamt 88 (heute 94) beim EU-Ausschuss der Regionen (AdR) registrierten Europäischen Verbünden Territorialer Zusammenarbeit hat eine italienische Forschungsgemeinschaft im Rahmen des Projekts ITALIAE 14 Verbünde mit italienischer Beteiligung (heute 15) systematisch und multidisziplinär untersucht. Die Studie wurde von der Abteilung für regionale Angelegenheiten und Autonomien im Präsidium des italienischen Ministerrates und dem Forschungsinstitut CNR-ISSiRFA mit wissenschaftlicher Unterstützung von Eurac Research und der Technischen Hochschule (Politecnico di Torino – Centro FULL) realisiert.
Die Studie setzt sich ein dreifaches Forschungsziel: den aktuellen Stand des einschlägigen europäischen und nationalen Rechtsrahmens zu analysieren, praxisorientierte Leitlinien zur Erleichterung der Institution und des operativen Managements dieser Institutionen zu erarbeiten und schließlich wirksame Organisationsmodelle zu definieren, die den Dialog zwischen den Institutionen und den Grenzgebieten stärken können.
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Bildergalerie
Dokumente zum Herunterladen
- Gruppenfoto mit den Referierenden der Tagung im Castello del Buonconsiglio zur Rolle der Autonomien als Motor grenzüberwindender Zusammenarbeit. (Foto: Euregio/Armin Gluderer) » [IMG 3 MB]
- Runder Tisch mit den EVTZ-Direktorinnen und Direktoren: (von links) Xavier Conill (Cerdanya), Aldara Vázquez Rodriguez (Galicia-Norte Portugal), Romina Kocina (GO), Xavier Bernard Sans (Pyrenees-Mediterranean), Elisa Bertò (Tirol-Südtirol-Trentino) Leyre Azcona Sanz de Galdeano (Nouvelle-Aquitaine Euskadi Navarra) und Moderator Jens Woelk (Universität Trient) (Foto: Euregio/Armin Gluderer) » [IMG 1 MB]
- Der Trentiner Landesrat Simone Marchiori: "Die Autonomie hat geholfen, ein Grenzgebiet in eine Brücke des Dialogs und Zusammenlebens zu verwandeln." (Foto: Euregio/Armin Gluderer) » [IMG 1 MB]
- Unter anderem nahmen aus dem Trentino (von rechts) Landesrat Simone Marchiori, Landtagspräsident Claudio Soini, der Landtagsabgeordnete Andrea de Bertolini, der Senator a.D. Giorgio Postal, Euregio-Vertreterin Elisa Bertò und die Landtagsabgeordnete Vanessa Masé teil. (Foto: Euregio/Armin Gluderer) » [IMG 1 MB]
- Elisa Bertò (Euregio Tirol-Südtirol-Trentino): "Wir wollen eine dauerhafte Zusammenarbeit aufbauen, um unsere spezifischen Kompetenzen auszubauen und konkrete Lösungen zu erarbeiten." (Foto: Euregio/Armin Gluderer) » [IMG 1 MB]
- Esther Happacher (Universität Innsbruck) im Online-Dialog mit AEBR-Direktor Martín Guillermo Ramírez (Foto: Euregio/Armin Gluderer) » [IMG 2 MB]
- Francesco Palermo (Universität Verona und Eurac Research): "Europäische Verbünde Territorialer Zusammenarbeit wirken wie 'Rauchmelder' juridischer Hindernisse für grenzübergreifende Zusammenarbeit." (Foto: Euregio/Armin Gluderer) » [IMG 1 MB]
- Sieben Europaregionen haben auf Einladung der Euregio Tirol-Südtirol-Trentino in Trient ihre grenzüberwindenden Vorzeigeprojekte vorgestellt, die dank Autonomie möglich wurden. (Foto: Euregio/Armin Gluderer) » [IMG 2 MB]
- Das Tagungsprogramm steht unter dem Titel "Autonomie als Instrument zur Stärkung der territorialen Zusammenarbeit" ("Autonomy as a tool for boosting territorial cooperation") (Quelle: Euregio Tirol-Südtirol-Trentino) » [PDF 952 kB]

