Gewalt gegen Frauen: Landesregierung ruft zum Hinschauen auf
Bei Gewalt gegen Frauen Warnsignale ernst nehmen, Betroffene unterstützen und nicht wegsehen – Gesellschaft muss dem Phänomen geschlossen entgegentreten
BOZEN (LPA). Aktuelle ASTAT-Daten zeigen, dass Gewalt gegen Frauen in Südtirol weiterhin weit verbreitet ist. 2025 suchten 838 Frauen Hilfe bei Südtirols Beratungsstellen – fast so viele wie im Vorjahr. 89 Prozent waren von psychischer, 63 Prozent von körperlicher Gewalt betroffen; in 86 Prozent der Fälle waren aktuelle oder ehemalige Partner die Täter. "Hinter jeder Zahl steht das Schicksal einer Frau, oft auch von Kindern. Gewalt gegen Frauen ist gesellschaftliche Realität und betrifft uns alle", betont Landeshauptmann und Gleichstellungslandesrat Arno Kompatscher. "Da Gewalt meist im persönlichen Umfeld geschieht, müssen wir hinsehen, Betroffene ernst nehmen und gemeinsam klar dagegen eintreten", sagt Kompatscher.
Gewalt gegen Frauen umfasst häufig mehrere Formen zugleich, darunter psychische, körperliche und wirtschaftliche Gewalt. Die konstant hohe Zahl Hilfesuchender zeige, dass die Angebote bekannt seien und genutzt werden, stellt Kompatscher fest. 2025 erbrachten die Beratungsstellen fast 10.000 Unterstützungsleistungen – über 22 Prozent mehr als im Vorjahr. "Gewalt ist ein gesellschaftliches Problem, dem wir entschlossen entgegentreten müssen. Prävention ist dabei ebenso entscheidend wie die Unterstützung der Betroffenen. Mit dem zu Jahresbeginn genehmigten Dreijahresplan haben wir in beiden Bereichen wichtige Schritte gesetzt", betont Soziallandesrätin Rosmarie Pamer.
Die Präsidentin des Landesbeirats für Chancengleichheit für Frauen, Ulrike Oberhammer, erklärt: "Gewalt beginnt oft schon mit Kontrolle, Demütigung, Einschüchterung oder wirtschaftlicher Abhängigkeit. Noch immer wird Betroffenen oft nicht geglaubt oder ihnen sogar eine Mitschuld gegeben. Doch die Verantwortung liegt allein beim Täter. Deshalb müssen Warnsignale früh erkannt, Frauen und Kinder geschützt und unterstützt werden sowie aktiv mit den Tätern gearbeitet werden. Wegsehen ist keine Option."
Das landesweite Netzwerk aus Beratungsstellen, Frauenhausdiensten, Sozial- und Gesundheitsdiensten, Sicherheitskräften und weiteren Einrichtungen ist dabei zentral. Mehr als 10.000 Kontakte und Weitervermittlungen belegen die enge Zusammenarbeit für Schutz und Selbstbestimmung.
Der Weg aus der Gewalt bleibt oft schwierig: Mehr als ein Viertel der Frauen, die 2025 eine geschützte Einrichtung verließen, kehrte zum Gewalttäter in die frühere Wohnung zurück. "Das zeigt, wie wichtig es ist, dass Frauen sich unabhängig von ihren Partnern eine wirtschaftlich eigenständige Existenz aufbauen können. Das erleichtert es ihnen, sich aus toxischen Beziehungen zu lösen", betont dazu Nadia Mazzardis, die Vizepräsidentin des Landesbeirats für Chancengleichheit für Frauen. Voraussetzung dafür sei, dass unbezahlte Sorgearbeit nicht weiterhin vor allem den Frauen überlassen werde, die die Betreuung von Kindern, älteren und unterstützungsbedürftigen Familienangehörigen übernehmen. "Wir müssen deshalb Betreuungs- und Pflegedienste mit flexiblen Öffnungszeiten anbieten. Darüber hinaus müssen wir Frauen dabei unterstützen, sich nach erlebter Gewalt ein selbstbestimmtes und sicheres Leben aufzubauen“, erklärt Mazzardis.
"Gewalt ist keine Privatsache. Es liegt an uns allen, hinzusehen, Betroffenen zu glauben und ihnen beizustehen", betont Landeshauptmann Arno Kompatscher.
Zusatzinformationen
Wo erhalten Betroffene Hilfe?
Niemand muss Gewalt ertragen. Betroffene Frauen können sich vertraulich und kostenlos an die Frauenhausdienste wenden. Fachfrauen beraten, entwickeln Schutzmöglichkeiten und helfen, einen sicheren Ort zu finden.
Die fünf kostenlosen Rufnummern sind:
Bozen: 800 276 433 (rund um die Uhr) und 800 892 828 (Montag bis Freitag, 8–12.30 Uhr; Montag bis Donnerstag, 13.30 bis 17 Uhr)
Brixen: 800 601 330 (rund um die Uhr)
Meran: 800 014 008 (rund um die Uhr)
Bruneck: 800 310 303 (Montag bis Freitag, 8.30 bis 12 Uhr)
Wer in der Ersten Hilfe Schutz benötigt, kann sagen: "Ich suche Erika." Das Personal weiß dann sofort, dass Hilfe gebraucht wird. Weitere Informationen bietet das Projekt "Erika".
Im Notfall gilt die Nummer 112; dort wird Deutsch und Italienisch gesprochen. Alternativ ist die nationale Gewalt- und Stalking-Hotline 1522 auf Italienisch erreichbar.
red/pir